Es ist nicht neu, dass Twitter sich in offiziellen Stellungnahmen als schnellen Kurznachrichtendienst interpretiert, und zweifellos ist diese Funktion augenfällig. Nutzer von Twitter publizieren mehr oder weniger relevante News am laufenden Band, vom Genuss des leckeren Smoothies bis zum Tod Osama bin Ladens. Jede Nachricht ist eine Nachricht. In letzter Zeit scheint sich Twitter auf diese Tautologie reduzieren zu wollen, zumindest scheint es Anzeichen dafür zu geben.

Aufschlussreich ist ein Vergleich des ursprünglichen Mission Statements mit dem im Januar 2011 veröffentlichten Update:

Mission Statement 2006:
Twitter is a service for friends, family, and co-workers to communicate and stay connected through the exchange of quick, frequent answers to one simple question: What are you doing?

Mission Statement 2011:
We want to instantly connect people everywhere to what’s most important to them.

Twitter folgte dem allgemeinen Trend zur Verkürzung von Mission Statements und formulierte kürzer und knackiger – vielleicht wollte man auch zeigen, dass sich im Grunde alles in unter 140 Zeichen ausdrücken lässt. Doch ist es schon bemerkenswert, welche Wörter nicht mehr auftauchen: Friends, familiy, co-workers, communicate, exchange, answers und questions. Ausgetauscht wurden sie mit  „instantly“, „people“ und „important“. Auch bei der Auswahl der Worte wird also die vermehrte Betonung des nachrichtlichen Charakters sichtbar. Hieß es in 2006 noch „for friends . . . to communicate and stay connected“ heißt es heute „to instantly connect people . . . to what’s important to them”. Weniger die Kommunikation untereinander steht jetzt im Mittelpunkt der Aussage, als vielmehr der prompte Zugriff auf Interessensphären. Dieser Schwerpunkt wird auch aus der kürzlich gelaunchten neuen Startseite ersichtlich.

Bereits der graublaue Hintergrund mit den gerasterten Kontinenten wirkt wie das Setup eines beliebigen TV-Nachrichtensenders. Neu ist auch der Slogan. Und interessant ein Blick auf die Slogan-Timeline:

2006: What are you doing?

2009: What’s happening?

2011: Follow your interests

Als Twitter das Licht der Welt erblickte, stellte es dem Nutzer noch die naive Frage, was er denn gerade tue. Diese Frage zielte offenbar noch kaum auf den Nachrichtenwert. Die Twitter-Philosophie war, dass der Nutzer einfach seine momentane Tätigkeit oder seine Gedanken in einem kurzen Update kundtun sollte. Der Claim “What’s happening?” war schon ambivalenter. Die Frage war an den Nutzer gerichtet, konnte aber auch auf allgemeine Ereignisse von nachrichtlichem Wert zielen. Im Jahr 2011 soll der User nur noch seinen Interessen folgen. Zum Posten und Kommunizieren wird er nicht mehr animiert. Wird er vom interaktiven Nutzer zum passiven Bezieher von Updates degradiert?

Der Reiz von Twitter liegt in meinen Augen weniger in der schieren Kurznachrichtenflut, die Millionen von Usern täglich produzieren, und auch nicht in der Aktualität und Schnelligkeit. Für viele Twitternutzer wiegt das interaktive Element schwerer. Die Möglichkeit, mit prinzipiell jedermann ad hoc zu kommunizieren, neue Kontakte zu knüpfen und Chats zu führen trägt wesentlich zur Popularität dieses Mediums bei

Das Unternehmen scheint an einem weiteren Ausbau der interaktiven Funktionalitäten nicht sonderlich interessiert zu sein. Vermutlich verspricht man sich mit der Positionierung als führendes Internet-Nachrichtenmedium eine aussichtsreichere Monetarisierung. Tatsächlich nutzt ein großer Teil der User Twitter weitestgehend passiv – ganz im Gegensatz zu Facebook. Da kein ernsthafter Konkurrent am Horizont sichtbar ist – dafür ist der Vorsprung wohl auch zu gewaltig – kann man sich am Unternehmenssitz in San Francisco die Strategie frei aussuchen. Ob die Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten.

Ist Twitter mehr als ein modernes Telex?

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