Vermutlich bin ich der letzte Mensch in Deutschland, der noch Eudora Mail benutzt. Und mit Eudora meine ich jetzt nicht die revampte Variante von Mozilla, sondern die letzte Version, die noch von Qualcomm verantwortet wurde (Das war 7.1.0.9, für alle, die es genau wissen wollen, und sie steht unter http://www.eudora.com/archive.html nach wie vor zum Download bereit).

Es gibt eine Reihe von praktischen Gründen, warum ich noch an dem hoffnungslos veralteten Mailer hänge.  Plus einen eher irrationalen und emotionalen Grund.

Als stationärer Client bietet das Programm eine nach wie vor ganz erstaunliche Menge an Einstellungsvarianten – und es ist IMAP-fähig. Ich kann damit ganz bequem meine Webmailkonten bei Google und Yahoo verwalten und habe zudem die Möglichkeit, mir beim Versenden von Mails über ein Dropdown-Menü den gewünschten Absender auszusuchen. Es hat diesen praktischen „Send again“-Button, mit dem eine E-Mail, die wegen fehlerhafter Adresseingabe gebounced wurde, auf simplen Klick erneut im Original rausgeschickt wird. Es bietet noch zahlreiche andere Features, Filtermöglichkeiten und Funktionalitäten – die aber andere längst auch bieten oder an Bedeutung eingebüßt haben. Es läuft verdammt schnell, und auch die interne Suche ist extrem fix.

Aber ich denke, das sind alles nicht die wahren Gründe, warum ich diesen Dinosaurier unter den E-Mail-Programmen noch verwende. Irgendetwas hat mich bewogen, an dem Programm festzuhalten. Nach einigem Nachdenken bin ich auf den wahren Grund gestoßen: Es ist der kleine rote Abschleppwagen im geöffneten Mail-Fenster.

Er ist wirklich klein und die Zahl der Pixel, aus denen er sich zusammensetzt, bleibt überschaubar. Aber er hat eine Funktion. Per „drag and drop“ kann man mit dem roten Auto empfangene Mails an den Haken nehmen und in den passenden Ordner schleppen. Das ist mal Usability. Und nicht nur das, es macht noch dazu jedes Mal Vergnügen. Sogar nach dem x-ten Mal. Vielleicht war einer der Entwickler bei Qualcomm junger Vater und dachte an das Spielzeugauto seines Sohnes. Jedenfalls hat er eine bildhafte Umsetzung für das Verschieben von Mails gefunden, die jedem Nutzer auf Anhieb klar wird und noch dazu kindlichen Spaß bereitet. Wie langweilig wäre dieselbe Aktion, wenn sie nur mit einem biederen Pfeil visualisiert worden wäre.

Liebe Entwickler, denkt bei der Gestaltung von Software ruhig öfter an den Spaßfaktor. Usability ist wichtig, aber längst nicht alles. Denn tatsächlich sind es Menschen aus Fleisch und Blut, die mit euren Anwendungen arbeiten.

Eudora und der kleine rote Abschleppwagen

2 thoughts on “Eudora und der kleine rote Abschleppwagen

  • 2. August 2011 bei 0:41
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    Gerhard, you know, the title of this post really got my attention. I was like, „OMG, I though Eudora is long dead“.

    I wanted to know what is your compelling motivation for sticking with it – now I know, the red truck icon and it’s shoveling functions.

    That goes to talk about little details that product designers can do, to build customer loyalty. I bet there a million and one other people out there who love Eudora because of that red truck:)

    Pretty fun post. Love it.!

    • 13. September 2011 bei 9:18
      Permalink

      Thanks for taking the time to translate and comment, Stella! I appreciate that.

      I know that most people nowadays use just the web surfaces of Gmail or Yahoo and one reason is the increasing mobile use of email. However IMAP gives you flexibility to deal both with a mailclient like Eudora and websurfaces.

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