Briefmarkensammeln ist heute kein sonderlich populäres Hobby mehr. Kinder und Jugendliche werden nur noch selten zur Philatelie herangeführt; im Wettbewerb mit den schrillen Bildern und Tönen moderner Medien ziehen die kleinen gummierten Bildchen einfach den Kürzeren. Der Begriff Philatelie ist eine Kombination der griechichen Wörter philos (Freund) und a telos (ohne Ende) – Freunde ohne Ende also. Konkret bezieht sich die Endlosigkeit auf die ständig neu herausgegebenen Postwertzeichen, die das Briefmarkensammeln zu einer niemals endenden Leidenschaft werden lassen.

Freunde ohne Ende?

Mehr denn je sammeln viele Menschen Freunde ohne Ende. Nur dass es sich statt um Briefmarken um Profile aus sozialen Netzwerken handelt. Es gibt sogar eine Gemeinsamkeit mit den cellulosehaltigen Sammelobjekten: Die meisten von ihnen haben Zähne. Und so wie es Briefmarken gibt, denen bereits einige Zähne fehlen, gibt es auch Freunde mit beschädigtem Gebiss. Aber hier enden die Ähnlichkeiten auch schon.

Das lockere Kontakteknüpfen auch mit Personen, die man noch nicht im „echten Leben“ kennengelernt hat, kann das eigene Netzwerk bereichern. Darin liegt einer der entscheidenden Vorzüge der virtuellen Netzwerke: räumliche Grenzen zu überwinden, Kontakte mit Menschen aus anderen Regionen zu knüpfen, gleichgesinnte Freunde zu finden. Zweifellos erhalten wir bei der leibhaftigen Begegnung mit einem Menschen eine Flut verbaler und nonverbaler Signale, während die Online-Erscheinung – beschränkt sie sich auf Textmitteilungen – vergleichsweise dürr und schmalbandig bleibt. Fotos oder Videos – schon selbstverständlicher Teil einer persönlichen Online-Präsenz – geben uns bereits ein weit deutlicheres und lebendigeres Bild. Trotzdem: das Puzzle einer Persönlichkeit setzt sich nur langsam zusammen. Auch in der Offline-Welt erschließt sich uns das Wesen eines Menschen erst nach und nach; zu Anfang einer Beziehung besteht es mehr aus Lücken denn aus Charaktermerkmalen. Menschen können sich in Menschen täuschen. Das geschah schon immer und hat mit Internet oder Social Media recht wenig zu tun.

5 und 5000 sind nur Zahlen

Was lässt sich aus der Anzahl von „Freunden“ (sprechen wir lieber von Kontakten) auf Facebook ableiten? Wer 5 Kontakte bei Facebook hat, ist vielleicht gerade bei Facebook eingestiegen. Oder er baut seine Kontakte nur sehr vorsichtig und gemächlich auf. Vielleicht will er auch bewusst nur zu seinen 5 besten Freunden online Kontakt halten. Oder er kennt nur diese 5 Menschen und will keine weiteren kennenlernen. Vielleicht hat er sich diese Handvoll Freunde auch nur schnell „zusammengeklickt“. Eine geringe Anzahl von Facebook-Freunden sagt noch nichts über das Wesen und die Intensität der Beziehungen aus.

Wer tausende von sogenannten Freunden bei Facebook hat, kann diese Kontakte mit Sicherheit nicht mehr alle im Hinterkopf verwalten und nimmt das bewusst in Kauf. Er hat eine Reihe von prioritären Kontakten und viele mehr oder weniger inaktive Kontakte. Das ist nichts Verwerfliches. Letztenendes ermöglicht er nur einer etwas größeren Zahl von Menschen den Zugriff auf seine Profilfreigaben und lässt sie an seinen Online-Aktivitäten teilhaben. Er wird  nur einen kleinen Teil seiner Kontakte mit seinen Updates effektiv erreichen. Nüchtern ausgedrückt verfügt er über eine hohe numerische Reichweite bei niedriger Reichweiteneffizienz. Das ist ein für Privatpersonen eher untypisches und nicht tradiertes Beziehungsmodell, aber seit dem Einzug sozialer Netzwerke oft anzutreffen. Es ist weder besser noch schlechter als die meisten anderen privaten Netzwerkmuster, die aus einer noch überschaubaren Anzahl von Kontakten bestehen.

Hingabe zum Objekt der Begierde

Der manchmal erhobene Vorwurf, dass ein Vielkontakter bei Facebook „Freunde“ wie Briefmarken sammelt, geht  in die Irre. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wer seine Kontakte wahl- und ziellos einsammelt, verhält sich gerade nicht wie ein leidenschaftlicher Briefmarkensammler. Ein Philatelist ist eigentlich weniger ein Sammler; er ist ein Betrachter, Ordner und Rechercheur und verfolgt Ziele mit seiner Passion. Er befasst sich für einen gewissen Zeitraum mit einem bestimmten Themengebiet, er greift nur zu Marken mit einem spezifischen Motiv, er spezialisiert sich auf Briefe oder auf eine bestimmte Ära. Hat er sich an diesem Abschnitt in seinem Philatelistendasein erfreut, betritt er ein anderes Feld, wählt ein anderes Motiv oder ein anderes Ausgabeland. Erfahrene Philatelisten konzentrieren sich auch auf zwei, drei oder mehr Gebiete gleichzeitig. Der wichtigste Punkt bleibt ihnen dabei immer, sich mit ihren Objekten zu beschäftigen. Tatsächlich entwickeln sie eine Beziehung zu ihren Marken, betrachten die kleinen Kunstwerke liebevoll und ergründen politische und kulturelle Hintergründe. Sie informieren sich über Ereignisse, die zur Ausgabe einer bestimmten Serie geführt haben. Sie lesen sich in Biographien der auf den Marken abgebildeten Personen ein. Sie können nicht alle Marken in ihrem Album auswendig herunterbeten, aber sie können sie einordnen und miteinander verbinden. Philatelisten gehen ihre Alben immer mal wieder durch, ziehen einzelne Schmuckstücke vorsichtig mit der Pinzette heraus, erfreuen sich an ihnen und entdecken immer wieder neue Details und Bezüge.

Connect and Collect

Anders der „oberflächliche“ Sammler. Er besorgt sich relativ wahllos in Tütchen abgefüllte Briefmarken. Sein Hauptkriterium ist die Buntheit und Auffälligkeit der Marken. Er betrachtet seine neu erworbenen kleinen Schätze flüchtig und schüttet sie alsdann in den Schuhkarton. Er reißt Briefmarken aus allen exotischen Briefen heraus, die er in die Finger kriegt. Die Marken von den Briefen vorsichtig mit Dampf abzulösen, dazu fehlt ihm meist die Geduld. Er sammelt eigentlich alles und jedes und verliert mit der Zeit den Überblick. Nicht weil er viele Briefmarken besäße (die hat ein echter Philatelist auch) , sondern weil er kein Ziel verfolgt, sich nicht intensiv seinen Marken widmet und kein System im Aufbau seiner Sammlung hat. Manchmal ist der oberflächliche Briefmarkensammler jemand, der mit dem Sammeln gerade beginnt. Im Laufe der Zeit kann er sich durchaus in einen echten Philatelisten verwandeln.

Ist der oberflächliche Sammler deswegen ein schlechterer Mensch? Tut er etwas moralisch verwerfliches? Ist er zu verachten? Nein. Er geht nur anders mit seinem Hobby um. Er bewegt sich im Seichten und taucht nicht tiefer in die Materie ein. Vielleicht will er es ja gar nicht. Jeder verfolgt Tätigkeiten oder Hobbies, die er nur aus Vergnügen und zur Entspannung betreibt. Wir müssen und wir können nicht in allen Dingen Profis sein. Wir schießen Fotos, spielen Gitarre, gehen zum Bowling oder malen ein Bild, ohne dass wir uns wir mit Meistern dieser Fächer messen wollten. Wir tun es aus Vergnügen. Wir bleiben bewusst an der Oberfläche. Wir wollen uns nicht tiefer involvieren, wollen und können nicht mehr Zeit und Mühe investieren. Wer Briefmarken sammelt, nur weil er Freude an den bunten Motiven hat, verbringt seine Freizeit sinnvoller als mit vielen anderen Aktivitäten. Das ist völlig okay. Auch wenn die Marken nur im Schuhkarton landen.

Kontakte im Schuhkarton

Ein Philatelist mit Charakter wird auf einen engagierten jungen „Marken-im-Schuhkarton-Sammler“ daher nicht mit hochgezogenen Augenbrauen herabschauen, sondern ihm auf Verlangen erklären, wie er seine Sammlung besser strukturieren und mehr aus seinen gezackten Objekten herausholen kann. Er wird ihm den Weg und die Methodik zu einem bereichenderen Umgang mit seinem Hobby aufzeigen. Vielleicht wird aus dem Nachwuchs-Sammler eines Tages ein echter Philatelist, vielleicht bleibt er auch ein Spaßsammler oder gibt sein Hobby eines Tages ganz auf. Aber er hat nun die Möglichkeit, sich für seinen Weg und den Umgang mit seinen Briefmarken zu entscheiden.

Die meisten haben auf Facebook Freude an ihren Kontakten. Manche wählen sehr sorgfältig aus, wen sie in ihr Netzwerk lassen. Andere starten ebenfalls eher wählerisch, weichen diese Haltung aber mit der Zeit immer mehr auf. Einfach weil sie erkennen, dass es auf der ganzen Welt großartige Menschen und Chancen für interessante Kontakte gibt, die sie sonst verpassen würden. Je mehr aber das eigene Netzwerk wächst, desto hilfloser fühlt sich mancher gleichzeitig. Wie all die Beziehungen pflegen und aufrechterhalten? Nach welchen Kriterien setze ich Prioritäten? Welche Ziele verfolge ich eigentlich auf Facebook mit meinen Aktivitäten? Wen habe ich auf dem Schirm, und bei wem bin ich noch auf dem Schirm? Wie soll ich schon länger vernachlässigte Kontakte wieder aufwärmen? An welchen Kontakten habe ich eigentlich kein Interesse mehr. Soll ich mit Personen entfreunden? Würde das nicht als Affront empfunden?

Netzwerk-Optimierung

Das Vernetzen mit hunderten oder tausenden von Menschen ist ein relativ neues soziales Phämonmen. Während viele keinen Bedarf an einem effektiveren Umgang mit ihren Online-Kontakten sehen, streben andere nach einer Optimierung ihres Beziehungssystems und entdecken eine neue Dimension. Es ist kein Fehler, andere zu fragen, wie sie ihren Netzaufbau betreiben und nach welchen Kriterien sie dabei vorgehen. Einfache Sammler und ambitionierte Philatelisten gibt es in allen Bereichen – auch in sozialen Netzwerken. Wenn dir jemand bereitwillig ein System zum Kontakt- und Freundesaufbau aufzeigt, bei dessen Kern es nicht um das reine Heraufschrauben der Kontaktzahl, sondern um die bessere Kommunikation mit engagierten und an dir interessieren Menschen geht; wenn er ein leidenschaftlicher Menschenfreund ist und dich in die Geheimnisse des authentischen Auftritts und des Vertrauensaufbaus einweist; wenn er dir neue Perspektiven für dein Netzwerk eröffnet und – ganz wichtig – offen für deine Einwände ist, solltest du die Chance nutzen. Es ist eben nie ein Fehler, sich ein Briefmarkenalbum zeigen und sich verführen zu lassen. Ganz egal übrigens, ob es sich um einen Philatelisten oder eine Philatelistin handelt.

Wenn dir jemand seine Briefmarkensammlung auf Facebook zeigen will

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