Kennst du den Film Die Farbe Lila? Es ist die Geschichte zweier Schwestern. Netties bedingungslose Liebe zu ihrer Schwester Celie lässt sie über viele Jahre hinweg Briefe an Celie schreiben. Sie erhält nie eine Antwort, da der tyrannische Ehemann von Celie alle Briefe abfängt. Ihr Glauben an ihre Schwester bleibt indes unerschütterlich. Nettie schreibt und schreibt und berichtet von ihrem Leben – ohne je eine Antwort zu erhalten. Sie weiß nicht, ob ihre Schwester die Briefe erhält und ob sie überhaupt noch lebt. Sie schreibt und schickt ihre Briefe dennoch in regelmäßigem Rhythmus ab. Sie pulst ihre Worte, weil sie um deren Wirkung weiß.

In der Natur begegnen wir ständig dem Prinzip des Rhythmus. Die Jahreszeiten wechseln im Rhythmus, Sonne und Mond haben ihren Rhythmus, unser Herz schlägt im Rhythmus. Das Leben ist durchdrungen vom Rhythmus. Und ein elementares Kulturprodukt des Menschen wäre ohne Rhythmus gänzlich unvorstellbar – die Musik.

Auch Beziehungen leben den Rhythmus. Die Entfernung zwischen zwei Menschen konnte in früheren Zeiten nur durch briefliche Korrespondenz überbrückt werden. Die Laufzeiten für Briefe waren damals teilweise extrem lang. Für das Aufrechterhalten der Beziehung war es daher wichtig, einen Brief in einem gewissen Zeitrahmen zu beantworten. Jeder der Briefpartner wusste, dass der andere bereits ungeduldig auf eine Antwort wartete. Das Ausbleiben einer Antwort konnte als Desinteresse gedeutet werden. Nicht jede Beziehung war so innig wie die zwischen Celie und Nettie.

Im Takt bleiben

Im Online-Zeitalter und insbesondere seit dem Siegeszug der sozialen Netzwerke ist die Zahl der „Telebeziehungen“ geradezu explodiert. Das Kommunikationspotential ist enorm. Die Laufzeiten der Botschaften sind quasi auf Null reduziert. Eine E-Mail oder ein Facebook-Eintrag erscheint Sekunden später beim Empfänger. Nur fühlt sich im Unterschied zu früher die Social Media Generation dem überwiegenden Teil ihrer Fernbeziehungen weit weniger verbunden. Je mehr man sich vernetzt, desto größer wird unvermeidlich die Anzahl der eher losen und unverbindlichen Beziehungen.

Was sich nicht geändert hat, ist die Wichtigkeit des Rhythmus. Die zeitlichen Abstände, in denen jemand eine Person oder eine Gruppe kontaktiert, werden – wenn auch unbewusst – sehr wohl wahrgenommen. Unsere innere Uhr sagt uns: „eigentlich müsste bald wieder eine Mail kommen“. Wir wissen, wann ein neuer Post auf einem Blog fällig sein müsste und bemerken, wenn und wann ein Eintrag von uns kommentiert wird. Unsere Erwartungs­haltung ist, dass ein Rhythmus sich nicht grundlos ändert. Und tritt eine Änderung ein, suchen wir nach einer Erklärung.

Der Puls der Worte

Wer stets antwortet und online präsent ist, baut eine stärkere Bindung auf und weckt eine entsprechende Erwartungs­haltung beim Empfänger. Wird das Feedback reduziert und nur noch unregelmäßig auf den anderen reagiert, mag das viele Gründe haben. Faktisch aber geht es mit einer Schwächung der Bindung einher. Beziehungen sind nicht statisch, und Schwankungen der Bindungsstärke (außerhalb unserer Kernbeziehungen) daher ganz normal. Im Social Media Zeitalter haben diese Schwankungen stark zugenommen. Viele Online-Beziehungen werden nach einem starken Auftakt nicht weiter verfolgt. Viele haben dafür auch einfach zu viele Beziehungen.

Wir bestimmen zum großen Teil mit unserem Verhalten die Intensität unserer einzelnen Online-Beziehungen. Jeder kann sich bewusst für das Ausmaß an Involvierung in eine Beziehung entscheiden. Wer die Bedeutung des Rhythmus nicht aus den Augen verliert, kann bewusster netzwerken und mehr Gewinn aus seinen Online-Verbindungen ziehen.

Rhythmus und Social Media

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