Wenn wir Eindrücke und Wahrnehmungen verarbeiten, denen wir bewusst oder unbewusst eine Bedeutung für unser Leben zumessen, wachsen in unseren Köpfen neue neuronale Verbindungen. Unsere Synapsen werden beim Lernvorgang also nicht einfach nur zum „Abfeuern“ von Aktionspotentialen angeregt. Vielmehr entstehen faserige kleine Netze , die eine erstaunliche Komplexität annehmen können. Und wenn wir an Aufgaben und anderen Menschen wachsen, so findet dies durchaus eine wortwörtliche Entsprechung in unserem Gehirn.

Menschen machen Eindruck

Wer einen Menschen kennen lernt, ihn dann öfter trifft und mit ihm regelmäßig kommuniziert, lernt ständig mehr über die Person, erhält immer mehr Informationen und legt mit der Zeit ein differenziertes Muster dieses Menschen in seinem Kopf ab. Eine Struktur bildet sich heraus, die all unsere Eindrücke, Erinnerungen und Bewertungen darstellt.

Man kann der Kreierung dieses neuronalen Abbildes mit bildgebenden Verfahren mittlerweile quasi live zuschauen. Es ist faszinierend zu sehen, wie Nervenzellen regelrecht ausschlagen, sich verzweigen und verknüpfen. Die Verästelungen haben Ähnlichkeiten mit Erscheinungen, die uns aus der Pflanzenwelt heraus vertraut sind.

Etwas vereinfacht kann man sagen, dass eine vertraute Person in Form eines enorm verzweigten neuronalen Gewächses ihre physische Repräsentanz findet. Mit zahlreichen feinen Verästelungen werden Verbindungen zu anderen Nerven-Clustern und Hirnregionen hergestellt. Und so wie kein Baum in der Natur exakt einem anderen entspricht, so unterschiedlich fällt auch die Form und Größe der einen Menschen beschreibenden cerebralen Struktur aus.

Einlasskontrolle

Je komplexer ein solches Gebilde, desto mehr Arbeit ist für das Gehirn erforderlich. Eine umfangreiche Vernetzung mit anderen Nervenzellen erfordert biologisches Engineering und die Zufuhr von Energie.

Einer der Eckpfeiler der Evolution ist Ökonomie. Für die meisten Menschen legt unser Gehirn daher keine sonderlich ausgeprägten Abbilder an. Menschen, denen wir nur flüchtig begegnen, werden in unserem Kopf gar nicht erst keimen. Passanten sind im wahrsten Wortsinne „vorübergehende“ Erscheinungen, deren Wahrnehmung keine große Relevanz für uns hat. Andere pflanzen in unserem Gehirn zarte kleine Triebe, die wenig später wieder verkümmern – manchmal auch, weil wir oder die anderen sie verkümmern lassen.

Dann gibt es Mitmenschen, mit denen wir zwar regelmäßig in Kontakt treten und von denen uns mehr Eindrücke vorliegen, zu denen wir aber ein eher formales Verhältnis pflegen. Unser Denkorgan verweigert sich hier der Anlage eines komplexen Persönlichkeitsprofils und schematisiert diese Personen. Die formale Ebene wirkt hier als Wachstumsbremse und  dämmt die Entwicklung einer nachhaltigen neuronalen Struktur ein.

Ein größerer Aufwand lohnt sich für unser Gehirn nur, wenn eine ganzheitliche Beziehung auf einem emotionalen Fundament aufgebaut wird. Je vertrauter wir uns mit einem Charakter machen, desto enger wird die Bindung und desto deutlicher spiegelt er sich in uns.

Wer andere blendet, trampelt sein eigenes Bäumchen nieder

Wahrscheinlich ist dies mit ein Grund für die Bedeutung der Authentizität. Wer ein Abbild seiner Persönlichkeit vermittelt, das sich später in Teilen als „Fake“ oder betrügerisch entpuppt, entwertet seine Repräsentanz im Kopf des anderen und beschädigt es in großen Teilen. Ein Blender, Täuscher oder Betrüger brennt sein persönliches Bäumchen im Kopf des anderen eigenhändig nieder. Er vernichtet die Investition in das personale „Joint Venture“.

Und die beschädigte neuronale Struktur wird nicht etwa von heute auf morgen wieder gelöscht. Sie bleibt stehen, wird nun aber mit einer negativen Konnotation versehen. Es werden gleichsam neue Schilder auf den Wegen zu dem Bäumchen aufgestellt, die vor der ursprünglich falschen Einschätzung warnen. Das verkohlte Bäumchen wird in der Regel noch lange oder auch zeitlebens seinem Träger als Mahnmal dienen. Und eine Wiederaufforstung ist nur selten in vollem Umfang möglich.

Baumpaten

Wir sind allesamt Baumpaten. Wir pflanzen Setzlinge unserer Persönlichkeit in die Köpfe unserer Mitmenschen. Wir sind maßgeblich für ihr Gedeihen verantwortlich. Wir entscheiden mit, wie kümmerlich und bescheiden oder mächtig und prächtig unsere Kopf-Bäume heranwachsen werden.

Andere Menschen können Einfluss auf die Entwicklung unserer Bäumchen nehmen, im Guten wie im Schlechten. Und es gibt zweifellos Köpfe, in denen die Bäumchen unserer Persönlichkeit beim besten Willen einfach keinen Nährboden für eine gesunde Entwicklung finden. Damit müssen wir leben. Doch zum großen Teil liegt das Gedeihen unserer Bäumchen in unseren Händen. Wir sind die Förster.

 

Du bist ein Bäumchen im Kopf der anderen

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