In seinem Buch „Trust Agents“ beschreibt der großartige Chris Brogan an Hand eines Undercover Agents, was Präsenz für Vertrauensbildung bedeutet und was sie bewirken kann. Der FBI-Mann Joe Pistone tauchte für 6 Jahre unter dem Namen Donnie Brasco in die Welt der Cosa Nostra ein. Er drang so tief in ihre Strukturen vor, dass mit Hilfe seiner Informationen dem FBI letztlich ein bedeutender Schlag gegen die Organisation gelang. Dieser Erfolg war das Ergebnis langer vertrauensbildender Maßnahmen. Die behutsamen Schritte, die er unternahm, um vom Rand zum Kern der Organisation vorzudringen, waren klein – extrem klein. Für ein halbes Jahr hing er nur in der Bar ab, in der sich Mitglieder des Clans trafen. Er forschte niemanden aus und stellte keine Nachforschungen an. Er hing einfach nur herum und trank seine Drinks. Er wurde zum lebenden vertrauten Inventar der Bar. Irgendwann nahm man Notiz von ihm und stellte ihm Fragen. Er stellte sich als kleiner Gauner und Hehler dar, der gern ab und zu ein Ding drehe; er hinterließ den Eindruck, als würde er ein brauchbares Mitglied der Organisation abgeben. Er stellte indes keine Gegenfragen oder änderte sein Verhalten. Er wartete geduldig, bis man ihn Zug um Zug immer weiter in die Strukturen einführte. Ihm gelang mit bloßem Herumhängen, was ihm mit einem nassforschen Auftreten und neugierigen Fragen nie geglückt wäre.

Die schlichte Präsenz hat eine erstaunliche Wirkung. 80% of success is showing up – dieses Bonmot wird Woody Allen zugeschrieben, und selbst unter Berücksichtigung seines sarkastischen Humors steckt ein Fünkchen Wahrheit darin. Nur wer regelmäßig erscheint, wird wahrgenommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen realen Raum oder einen virtuellen Raum handelt. Auf Facebook ist es das Netzwerk der Freunde, das den Raum abbildet, auf Twitter sind es die eigenen Follower oder jene, die einen wiederholt unter einem bestimmten Hashtag auftauchen sehen.

Je öfter jemand auftaucht, desto stärker prägt er die jeweilige Szene und wird für die anderen im Raum auf Dauer zum „Familienmitglied“. Ihm wird nicht nur vertraut, sondern der Vertrauensvorschuss führt auch zu einer besseren Bewertung ein und derselben Leistung, so ungerecht das auch erscheinen mag. Äußerungen eines Unbekannten stehen gewissermaßen unter Generalverdacht und werden kritisch beäugt, bei vertrauten Gesichtern wird der Inhalt hingegen stets im Kontext des Wissens über die Person betrachtet und entsprechend eingeordnet. Auch undurchdachte oder fehlerhafte Beiträge werden wohlwollender bewertet und beeinflussen bei sporadischem Auftreten das Image der Person selten negativ.

Für Erfolg in sozialen Netzwerken ist die regelmäßige Teilnahme von entscheidender Bedeutung. Natürlich stellt der Inhalt, das heißt die Qualität, die Verständlichkeit und der Unterhaltungswert des produzierten Stoffes die wichtige zweite Säule dar. Im Zweifel sollte man aber nicht zu perfektionistisch sein und ruhig auch mal Rohfassungen und spontane Einfälle posten. Nicht jedes Update muss von genialem Gehalt sein. Schnellschüsse sind bei Twitter und Facebook ausdrücklich erlaubt – was nicht mit Gedankenlosigkeit und Reputationsbeschädigung zu verwechseln ist. Aber warum nicht ab und zu nur ein bisschen herumhängen wie Donnie Brasco?

Die wundersame Macht der bloßen Präsenz

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