Wer sich als Fensterputzer oder Hundesitter betätigt, bildet im Grunde das Geschäftsmodell anderer nach. Zahlreiche Menschen boten schon vor ihm diese Dienste an. Dennoch käme niemand auf die Idee, der Nachhilfelehrerin oder dem Taxiunternehmer das Klauen einer Geschäftsidee zu unterstellen.

Anders verhält es sich bei Unternehmen, die eine innovative Geschäftsidee nachbauen und nahezu eins zu eins kopieren. Im Onlinebereich lassen sich Geschäfte schnell aufziehen, und so ist es kein Wunder, dass fast jedes halbwegs erfolgreich operierende E-Commerce Unternehmen rasch Nachahmer findet. Imitation ist keine Leistung – oder etwa doch?

Lernen durch Abschauen

Im englischsprachigen Raum spricht man in diesem Zusammenhang gern vom Phänomen des „me too“ oder etwas despektierlich von „Copycats“. In Deutschland werden Kopien noch kritischer beäugt. Nachahmer sind in den Augen vieler Menschen nur „Nachäffer“ und werden mit wenig Respekt behandelt. Im Land der Dichter, Denker und Erfinder werden Unternehmer eben auch als Kreative betrachtet. Man verweist gern auf die Schöpfungshöhe. Kopieren gilt als als minderwertig. Den Klonern von Geschäftsmodellen werden mangelnde Originalität, wenn nicht unlautere Geschäftspraktiken unterstellt.

Anders in Asien. Dort gilt das Kopieren als eine Wertschätzung des Meisters. Westliche Produkte werden genaustens analysiert und seziert. Um ein Produkt wirklich verstehen zu können, wird es zunächst haarklein nachgebaut. Die Kopie allein genügt jedoch nicht, um eine marktbeherrschende Stellung einzunehmen. Sie ist nur der erste Schritt – und genau dies wird im Westen gern übersehen.

In drei Schritten zum Erfolg

Wer ein Geschäft nicht nur kopieren, sondern langfristig am Markt bestehen will, muss über die Kopie hinaus denken. Reine Mimikry ist billig und zeitigt nur billige Erträge. Um die Konkurrenz zu überflügeln, braucht es drei Bausteine:

1. Nachbildung
2. Verbesserung
3. Schnelligkeit

Die exakte Kopie dient dem eigenen Verständnis, dem Erfahren. Mit dem Prozess der ständigen Optimierung wird das Original in der Qualität überflügelt und Individualität ausgebildet . Und ein hohes Tempo in Entwicklung, Marketing und Ausstoß setzt die Konkurrenz unter Druck.

Gerade der letzte Punkt war in der Vergangenheit ein Problem vieler deutscher Unternehmen. Traditionsreiche und ehemals führende Anbieter wurden regelmäßig von flinken und lernbegierigen Kopisten aus dem Fernen Osten überflügelt.

Steter Innovationsdruck

Wo fängt eine Kopie an, wo hört sie auf? Was ist ein Plagiat, was inspiriertes Imitat? Die Urheber eines innovativen Produkts begeben sich gern in den Clinch mit Nachahmern, statt sich auf die Weiterentwicklung ihres Angebots zu konzentrieren. Sie investieren oft viel Zeit und Geld, um unerbetene Konkurrenz fernzuhalten und die Alleinstellung zu wahren.

Richtig ist: Geistiges Eigentum hat einen hohen Wert; Schutzrechte, Urheberrechte und Patente sind zu respektieren. Schöpfungen und Erfindungen werden nicht aus dem Ärmel geschüttelt, sondern sind oft das Ergebnis langwieriger Vorarbeit. Wer aber stehen bleibt, wer nicht schnell genug ist, dessen Vorsprung schmilzt dahin.

Ein Unternehmer sollte offen mit seinem neuen Produkt oder der neuen Dienstleistung auf den Markt treten und sich angstfrei der lauernden Konkurrenz stellen. Er sollte wissen, dass sein Geschäft mit hoher Wahrscheinlichkeit so oder so kopiert wird, und er sollte kontinuierlich an der Optimierung seines Angebots arbeiten. Innovation ist zwar mit einem Vorsprung verbunden. Dieser Vorsprung muss aber stets ausgebaut werden, denn die Aufholjagd beginnt bereits am ersten Tag.

Das „Klonen von Geschäftsideen“  wird auch in einem Artikel von internethandel.de thematisiert. Kopierer als auch Kopierte erhalten interessante Einblicke und werden zur innovativen Kopie ermutigt, der inspirierten Variante des Imitats. Denn wer andere Ideen verstehen will, muss erst Kopieren lernen.

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Im Rahmen eines Vergütungsmodells wird dieser Blogbeitrag durch das Onlinemagazin internethandel.de honoriert. Das Vergütungsmodell ist nicht provisionsabhängig (Affiliate). Ich beleuchte monatlich ein Thema aus der aktuellen Ausgabe des Magazins. Diese Artikel spiegeln meine ungefilterte und persönliche Meinung wider. Es gibt keinerlei Einschränkungen oder Vorgaben durch den Auftraggeber, weder inhaltlich noch in Bezug auf etwaige zu integrierende Keywords oder Verlinkungen.

Alles nur geklaut? Kopieren heißt Kapieren
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